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TU Berlin

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Biorhythmus

Eine Dosis Dösen

Forscher fordern: Mittagsschlaf für alle. Die unter Arbeitgebern verpönten Nickerchen am Schreibtisch könnten die Leistung der Angestellten enorm steigern.

 

Von Christina Berndt

 

Damals im Bunker wurden Jürgen Zulley die Augen geöffnet. Trotz der Dunkelheit da unten. Vor knapp 20 Jahren machte der Schlafforscher ein Experiment, das ihm seither keine Ruhe lässt. Er sperrte einige Menschen für vier Wochen unter der Erde ein, nahm ihnen die Uhren ab, gönnte ihnen im Gegenzug so viel elektrisches Licht, wie sie nur wollten, und ließ ihnen vor allem eine Freiheit: Sie durften schlafen, wann immer ihnen danach war.

 

Schnell und deutlich stellte sich heraus: Egal, wie alt oder jung, wie faul oder fleißig die Leute waren – sie alle hielten Mittagsschlaf. Dabei wussten sie das oft gar nicht, denn schon nach wenigen Tagen hatten sie jedes Gespür für Tageszeiten verloren. "Sie dachten, sie würden sich zur Nachtruhe legen, dabei haben sie nur eine halbe Stunde Mittagsschlaf gehalten“, sagt Zulley, der heute das Schlafmedizinische Zentrum der Universität Regensburg leitet. Sein Fazit: Wenn der Mensch auf seinen Körper hört, schläft er nicht nur einmal, sondern zweimal pro Tag.

 

Dass der moderne Arbeitnehmer kein mittägliches Nickerchen mehr einlegt, sei allein dem Industriezeitalter und seiner Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft zuzuschreiben, sagt Zulley. Maschinen müssen laufen, wenn sie sich amortisieren sollen. Auch wenn das sozialistisch klingt und Zulley langsam in die Jahre kommt, mag er die Erkenntnis aus seiner Zeit als Jungforscher bis heute nicht vergessen. Engagiert kämpft er für die Rückkehr des Mittagsschlafs in das Leben des modernen Arbeitnehmers.

 

Einige Mitstreiter hat Zulley seither gefunden. Denn langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass Arbeitnehmer nachmittags tatkräftiger sind, wenn sie sich nach dem Essen hinlegen, anstatt das "Kantinenkoma“ mit Kaffee zu bekämpfen. In den USA ist das Nickerchen während der Arbeitszeit bereits Mode. Es heißt dort "Power Napping“, was so viel wie "Energieschlaf“ bedeutet. In Japan gehört das Dösen zwischendurch längst zur Kultur. Berühmt sind die japanischen "Nap- Shops“, in denen man sich eine sargähnliche Box zum Schlafen mieten kann. Die Menschen schlummern aber auch in Konferenzen. "Inemuri“ nennen sie das – anwesend sein und zugleich schlafen. Und die Chinesen schrieben "Xeu-Xi“, das Grundrecht auf Mittagsschlaf, sogar in ihrer Verfassung fest. Die Liegen, auf denen sie am Arbeitsplatz ruhen, sind oft Erbstücke, die schon den Großvätern als Schlafstätten dienten.

 

Generationen später trauen sich nun endlich auch einige deutsche Unternehmen, Schlummerecken für ihre Mitarbeiter einzurichten. Nur für die Öffentlichkeit ist diese Botschaft nicht gedacht. Kaum eine Firma wagt es, mit den Mittagsschläfchen für ihre Arbeitnehmerfreundlichkeit zu werben. Zu schlecht ist hier noch immer der Ruf des Büroschlafs. "Der wird als Arbeitsverweigerungshaltung angesehen“, sagt Jürgen Zulley. 

 

Dabei ist längst erwiesen, dass kurze Nickerchen am Nachmittag den Menschen leistungsfähiger machen. Die Forschung jedenfalls unterstützt den Begriff "Power Napping“: Einer griechischen Studie mit 23 500 Probanden zufolge senkt das Nickerchen am Mittag das Infarktrisiko von Herzkranken um 37 Prozent. Und Marc Rosenkind von der US-Raumfahrtbehörde Nasa zeigte, dass Piloten, die zwischendurch kurz schlafen, die besseren Piloten sind: Ihre Reaktionszeit ist um 16 Prozent kürzer als die ihrer Kollegen. Seither verordnet die Nasa ihren Piloten mittags ein Schläfchen, ebenso wie die US Army ihren Soldaten.

 

Nur in Deutschland klingt die Forderung nach mehr Schlaf am Arbeitsplatz wie Hohn. Übel zu spüren bekommen hat das Helmut Gels. Der progressive CDU-Mann hatte schon Anfang 2000, als Stadtdirektor im niedersächsischen Vechta, allen Mitarbeitern in seiner Stadtverwaltung ein Recht auf Büroschlaf verliehen. Für eine schicke Lounge mit gemütlichen Liegen hat die Kommune zwar bis heute kein Geld, aber die Mitarbeiter dürfen im Anschluss an ihre 30-minütige Mittagspause noch für 20 Minuten eine Matte in ihrem Büro ausrollen. 85 Prozent aller Angestellten und Beamten nutzen das Angebot noch heute – und nicht nur sie, auch ihre Vorgesetzten sind zufrieden. "In keiner vergleichbaren Kommune ist die Arbeitsproduktivität höher“, sagt der Arbeitswissenschaftler Martin Braun vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart, der das Projekt begleitet hat. Das heißt: Nirgendwo werden die Aufgaben von so wenig Personal erledigt, und der Krankenstand liegt deutlich unter dem Durchschnitt.

 

Auf Begeisterung stieß der Vorstoß von Vechta trotzdem nicht überall. Vor allem das Privatfernsehen brachte bissige Berichte. "Für die waren wir ein gefundenes Fressen“, erinnert sich Vechtas Pressesprecher Frank Käthler. Die Angst der Unternehmen vor dem Mittagsschlaf Beamtenschlaf zwischen Schreibtisch und Aktenschrank, das wurde gern missverstanden. Der Sächsische Beamtenbund hat Stadtdirektor Gels sogar wegen Rufschädigung verklagt.

 

  Die Albträume, die das Thema Mittagsschlaf den Deutschen offenbar beschert, kennt Mario Filoxenidis genau. Vor einigen Jahren hat er in Wien eine Firma namens Siesta-Consulting gegründet und nennt sich den "ersten professionellen Consultant für Power Napping in Europa“. Er berät Unternehmen, die ihren Mitarbeitern die Möglichkeit zum Mittagsschlaf bieten wollen. Die Berührungsängste seien groß, sagt er. Interesse zeigten vor allem innovative kleine Firmen – IT-Unternehmen, Werbeagenturen und Callcenter. "Namen darf ich aber keine nennen“, sagt Filoxenidis, "die Firmen haben Angst um ihren guten Ruf.“

 

Von den großen deutschen Unternehmen haben sich bisher nur wenige dem Power Napping geöffnet; die Sorgen um den eigenen Ruf sind offenkundig, wenn man sich die Mühen der Namensfindung vergegenwärtigt: Die Heizungsfirma Vaillant etwa hat einen "Silentroom“ eingerichtet; der Softwarehersteller SAP spricht vom "individuellen Work-Life-Management“, und IBM setzt auf sein "Wellbeing-Konzept“.

 

Spezielle Räumlichkeiten für die Auszeiten gibt es selten. Der ADAC in München hält für 2500 Mitarbeiter gerade zehn Liegen bereit, das nahe BMW-Forschungszentrum für 7000 Leute sogar nur zwei. Meist sind sie nach Auskunft der Firmensprecher leer, und das klingt durchaus erleichtert. Dabei hat eine Emnid-Umfrage schon vor Jahren ergeben, dass jeder dritte Deutsche gern ein Nickerchen am Arbeitsplatz halten würde.

 

  Doch nahezu jeder, der wie Filoxenidis an der Schläfer-Bewegung verdient, fühlt sich zum Schweigen verpflichtet: Der Möbelhersteller Sedus Stoll aus Waldshut zum Beispiel hat einen Bürostuhl namens "Open up“ entwickelt, in dem sich wunderbar schlummern lässt. 400.000 Stück will der Hersteller davon schon verkauft haben – aber an wen, bleibt ein Firmengeheimnis.

 

Dabei gibt es gar nichts zu verbergen. Die Erkenntnisse der Forscher im Auftrag von Nasa und US-Armee sind auch europäischen Ökonomen längst bekannt. Der Arbeitswissenschaftler Martin Braun etwa ist überzeugt, dass sich gerade an riskanten Arbeitsplätzen durch eingeplante, kurze Nickerchen Unglücke vermeiden lassen. So beginne ein Leistungsabfall in der menschlichen Tagesform gegen 13 Uhr (siehe Tabelle) – vergleichbar den nächtlichen Schwächephasen. "Zwischen drei und vier Uhr früh befindet sich der Organismus in einem absoluten Leistungstief“, sagt Braun. Die Reaktorunfälle von Harrisburg und Tschernobyl seien ebenso wie die Tankerhavarien der "Exxon Valdez“ vor Alaska und der "Erika“ vor der bretonischen Küste durchweg auf menschliches Versagen während des nächtlichen Leistungstiefs zurückzuführen, sagt Braun.

 

Ein Unternehmen geht also ökonomisch vor, wenn es den Arbeitsschlaf erlaubt: Es muss nur ein wenig Zeit investieren, bekommt dadurch aber viel Leistung heraus. "Das Nickerchen soll ja nicht lang sein“, betont Jürgen Zulley. Bloß nicht länger als eine halbe Stunde, denn dann ist der Kreislauf viel zu tief in den Keller gerutscht und der Körper könnte bereits in den Tiefschlaf gefallen sein. "Im Grunde genügen 15 Minuten zur Regeneration“, sagt der Schlafforscher. Der Siesta- Berater Filoxenidis rät Anfängern, einen Wecker zu stellen. Mit der Zeit werde man dann auch ohne Wecker wach. Auch der Fernfahrertrick – Kopf auf das Lenkrad und Arme baumeln lassen – ist auf das Büro übertragbar. Man wacht nach ein paar Minuten auf, wenn zu viel Blut in die Hände gesackt ist.

 

Auch eine Ruhe- oder Entspannungsphase bringe die Leistungsfähigkeit zurück, sagt Zulley: "Dösen reicht.“ Ob genauso gut, das weiß kein Schlafforscher so genau. „Womöglich ist der Einschlafprozess das eigentlich Erholsame“, sagt Jürgen Zulley, „es kann aber auch sein, dass es genauso gut hilft, wenn man einfach nur abschaltet.“

 

Zulley jedenfalls kämpft weiter für das Schlaf-Recht der Arbeitnehmer. Und die? Sie proben eine stille Revolution: Etwa jeder vierte Angestellte nickt Umfragen zufolge regelmäßig, aber heimlich am Arbeitsplatz ein. Nicht in schicken Lounges. Das meistfrequentierte Örtchen fürs Power Napping ist neben der Schreibtischplatte immer noch die Stockwerkstoilette oder der geparkte Wagen in der Tiefgarage. Zulley kennt aber auch Manager, "die regelmäßig zwischen zwölf und 13 Uhr hinter verschlossenen Türen wichtige Telefonate führen müssen“.

 

Quelle: Süddeutsche Zeitung Wissen 16/2007

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